22 Jahre Geschichte

Hier ein kurzer Text, der die Geschichte der Tour Vagabonde wiedergibt. Wer lesefaul ist, kann sich dieses Interview (auf Französisch) mit Gina Kolly auf Couleur3 anhören. Sie wurde etwa zur gleichen Zeit wie die Tour geboren und ist bis heute an ihrer Seite.

Am Anfang war die Idee, eine verrückte Idee.

Zwei Menschen, versteckt auf einem Berggipfel, empfangen die Idee.

Einen Ort wie Les Ateliers de l’Orme findet man nicht leicht – er weilt irgendwo in den Lüften zwischen Freiburg und dem Himmel. Vielleicht empfangen die beiden die Idee in diesen Lüften, weil dort der Sauerstoff rar ist und zudem Zigarettenqualm den Raum durchwebt. Was auch immer es ist – der Ort war der Idee zuträglich. Louis Yerly und Marie-Cécile Kolly heissen die beiden, die rauchend und tanzend in den hohen Lüften weilen. Eine Theatergruppe aus dem Wallis steigt von ihren Bergen herab und – wie viele vor ihnen – bitten sie Louis Yerly und Marie-Cécile Kolly, eine neue Struktur für ihr nächstes Projekt zu schaffen. Die beiden haben Lust, etwas Anderes daraus zu machen.Nach der fünften Philippe Morris oder Gauloise, die allesamt nachlässig in einem improvisierten Aschenbecher ausgedrückt werden, erscheint ein Engel. Und Shakespeare steckt auf den Höhen von Treyvaux fest und muss zusehen, wie ein auf einmal vergrößertes Team die Raumzeit bewegt.

Das Rose Theater, das ehemals im Randgebiet Londons stand und im 17.Jahrhundert abbrannte, dient als Inspiration, als die erste Version der Tour Vagabonde allmählich Form annimmt.

Neue Schauspieler scharen sich um den Aschenbecher. Sie sind schillernde Persönlichkeiten und füllen die hohen Lüfte ebenso mit Zigarettenqualm. Olivier Loretan zeichnet auf dem steilen Boden lebensgrosse Pläne der Struktur.Jean-Luc Giller konstruiert die Dachbalken. Flaschenzüge und ein alter Traktor ziehen alles ganz nach oben.Jedes Stück wird zugeschnitten und sogleich aufgebaut. Unsere Protagonistenarbeiten unter Hochdruck. André Gaillard mischt seine Farben in den bunten Reigen. Und schon bald streckt die Tour sich in die Lüfte, gen dem Gipfel der hundertjährigen Ulme, welche das Haus und ihre träumenden Bewohner beschützt. Der Magen ist essenziell für die grauen Zellen und so sind es die Gerichte, die Geneviève und Colette kreieren, die den so starken Teamgeist formen, der auch heute noch vorherrscht.

Ein solches Werk schreibt sich irgendwo in den Tiefen der Seele für immer ein. 10 Jahre später ist Shakespeare schon längst mit den Wallisern weitergezogen, aber das Werk wohnt noch irgendwo, und wartet darauf gefunden zu werden. In 10 Jahren kann einiges passieren. Die Konstrukteure haben den Schatten der Ulme verlassen. Nicht alle, versteht sich.Jean-Luc und Marie sitzen um einen anderen Aschenbecher herum und stellen sich ein kleines Holzzelt vor (La Pinte à Fondue) und machen sich mit ihm auf den Weg. Die Reise ist lang und eine Abzweigung führt sie nach Namur.

Damals ist Namur eine berüchtigte Hochburg von Schauspielern, Künstlerinnen aller Art und anderen verrückten Gruppierungen. In dem kleinen Holzzelt haben sich die Brüder Forman und die belgische Theatergruppe Arsenic um einen Tisch versammelt. Sie sprechen von einem Elisabethanischen Theater, das aus Balken und Irrsinn besteht und träumen laut davon, in diesem Gebäude zu spielen. Wie hätten sie wissen können, dass die Frau, die sie bedient und der Mann am Nebentisch die Konstrukteure sind? Jean-Luc holt eine Präsentationsmappe hervor, hält sie ihnen hin und fragt beiläufig: « Sagt mal, redet ihr davon? » Daraufhin folgt ein wildes Durcheinander: « Unfassbar! »,« Das gibt’s ja nicht! », und einkollektiver Enthusiasmus.

Von Namur geht es zurück aufs Freiburger Land. Aber wo ist denn die Tour abgeblieben? Der in den Tiefen der Seele eingeschriebene Eindruck kehrt zurück. Unser Zauber und unsere Zauberin und ihre neuen BegleiterInnen erfahren, dass ihr Schloss in der Nähevon Sion auf sie wartet. Man hatte sie vergessen, vernachlässigt, verlassen. Man hatte sie unachtsam abgebaut, das Dach ist zerrissen und man hatte sie auf einer Mülldeponie zurückgelassen. Die Magie wohnt nicht mehr in ihr und auch ihr Erfinder und ihre Erfinderin haben nicht mehr viel Hoffnung. Tränen dringen aus der Seele – aus dem Ort, wo das Werk eingeschrieben ist. Aber sie hatten sie doch als Idee empfangen, sie geschaffen, sie getragen! Zusammen sammeln sie die Reste ein und beginnen von neuem.

Die Ulme ist noch immer da und Les Ateliers auch. Sie bauen alles wieder Stück für Stück zusammen. Sie fügen einen Fussboden hinzu, eine Hintertreppe, einen Anbau für Logen, 4 zusätzliche Ausgänge. Sie renovieren nicht nur die alte Tour – sie schaffen eine zweite Tour aus der ersten. Und mit all ihren Ideen für Projekte scharen sie sich wieder um einen Aschenbecher. Nach einigem Überlegen finden sie einen Namen für das Werk: « La Tour Vagabonde » (dt : der wandernde Turm). Die Inspiration liefert ein kleines Buch, das mit der A-Post aus Belgien eintrifft. Prokofjew hatte als erster die Vision gehabt, dass der Eiffelturm seinen Sockel verlässt und sich zum Schiefen Turm von Pisa gesellt.
Manchmal gibt man das Wertvollste her, damit es leben kann. Ob RaucherIn oder nicht – man gibt der neugegründeten Stiftung das Holzgerüst, das Metall und die Plane. Es ist ein Geschenk, das trotz aller Schätzungen keinen Preis hat.
Ein neuer Name für neue Abenteuer.
Dies ist der Beginn der Tour, wie wir sie kennen.

12 Jahre voll von Reisen und voll von Träumen beginnen mit der Theatergruppe Arsenic und ihrer Aufführung Mac Beth. Wieder wird die Raumzeit bewegt: Shakespeare kehrt zurück.


Zehn plus zwölf, also 22 Jahre … 22 Jahre an ineinander verschlungener Lebenswege, unvorhergesehener, und doch schicksalhafter Begegnungen. Auch heute noch ist der Weg weit und neue Kurven erscheinen auf ihm. Einige ZaubererInnen haben ihren Stab weitergegeben. Neue Kinder scharen sich um einen Tisch mit einem neuen improvisierten Aschenbecher, und Filter, Blätter, Tabak und Wünsche vermischen sich. Die Zigaretten werden nachlässig ausgedrückt und die Ideen sprudeln hervor. Aber zwischen schlecht gedrehten Zigaretten blitzen immer wieder Gauloises ohne Filter auf. Dies ist nicht das Ende der Geschichte, sondern nur die Mitte. Die Geschichte ist das Erbe an die Kinder der Tour – seien sie blutsverwandt oder verwandt durch Freundschaft.
Wir sind verbunden durch das gleiche Band, das seit dem Anfang schon uns band.

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